Mit Blick auf das Schloss Hohentübingen

Stochern, nur in Tübingen?

Nein, ganz klar nein! Die einfachste Form, ein Gefährt im Flachwasser vorwärtszubewegen, hat sicherlich tausend Bezeichnungen weltweit. In Tübingen sagen wir stochern dazu.

Sogar auf dem höchsten See der Welt, dem Titicaca benutzen sie Stangen im Uferbereich, die machen das sogar im Sitzen vom Bug aus.

Eine Stange Holz läßt sich leicht beschaffen. Weitaus komplizierter ist es, ein Ruder zu machen (man braucht dann gleich 2 und Vorrichtungen am Boot, um sie einzuhängen) – ein Paddel herzustellen, bedarf höherer handwerklicher Fähigkeiten, als nach einem geraden Stück runden Holzes entsprechender Länge zu suchen.

Folglich wird im kontinentalen Inland auf Flüssen, Bächen, flachen Seen, in Sümpfen (aber auch in Meereslagunen und Atollen gestochert, in Gewässern, in denen sich die Tiefe ändert, verändert sich die Stocherstange zum Stocherpaddel und Ruder, etc.! Man kennt und kann es weltweit.

Auch in Oxford und Cambridge (den bei weitem nicht einzigen Orten in England, wo Stochern sogar eine Sportart ist) wird gestochert. Allerdings nennen sie es dort punting, wie auch in Christchurch (Neuseeland) was übersetzt stoßen, bzw. staken heißt und nur ein anderes Wort für das Gleiche ist. Die üblichen Punts sind in der Regel deutlich, die Stangen sogar wesentlich kürzer als in Tübingen, die wenigen breiten halten jedoch keinem Vergleich mit den Tübinger Zuladungskapazitäten stand, wobei hiermit dem Artikel über Stochern bei Wikipedia gefahrlos widersprochen werden darf. Andere, wirklich rechteckige Boote, sind in Mexiko-Citys (Mexiko) noch von den Azteken angelegten Känalen Ziel vieler Gestochert wird auch in Mexiko und anderswoTouristen an Wochenenden. Sie ähneln in nichts dem, was wir in Tübingen benutzen, eher schon den "Punts", an dieser Stelle geht es aber um den Antrieb, der ist gleich, interessant jedoch ist bei genauer Betrachtung, daß quasi alle links stochern!

In Deutschland ist es recht selten zu finden. Das wohl am ehesten bekannte Gebiet, in dem gestochert wird, ist der Spreewald (man stakt, daß staken gleich stochern ist, hat der Stocherkahnverein Tübingen durch freundschaftlichen Austausch mit den Kollegen vermittelt). In Altrheinarmen wird man es sicherlich noch antreffen können, während Mitfahren nur in Tübingen und im Spreewald möglich scheint. In Nagold im Schwarzwald gab es einen Versuch, Stocherkähne einzuführen, wie der ausgegangen ist, wissen wir nicht!

Sollte anderswo gestochert werden, bitte melden. Falls eine Internetseite vorhanden ist, werden wir gerne einen Link einfügen!

Einzigartigkeit in Tübingen

Was Stocherkahnfahren in Tübingen wirklich einzigartig macht, ist weniger die verwendete Technik, auch nicht die Kähne, sondern die Stadt selbst und ihre Bilderbuchkulisse, die man vom Neckar aus bestens sieht. Tübingens Stadtmauer nach Süden lag am Neckar, man kann sagen, der Neckar bildete die natürliche Hürde vor ihr. Auf diesem einst unberechenbaren Fluß, dessen Name keltischen Ursprungs ist und "wilder, unbezähmbarer Stier" bedeuten soll, der mit der Donau den Schwarzwald nach Osten entwässert, kann die Strömung trotz der vielen die Abflußmenge regelnden Wehre heftig werden – auf einem Fluß zu stochern, ist wegen der Strömung eine höhere Anforderung an die Technik, als in ruhenden Gewässern, wie Känalen, Seen etc., ein Hochwasser kann das Stochern unmöglich machen, mit diesen Bedingungen haben wir es in Tübingen zu tun.
Nicht einzigartig, sondern einmalig ist, daß man vom Stocherkahn das topographische Zentrum eines Bundeslandes sehen kann (Baden-Württemberg) und dabei nur ca. 1,5 km vom geographischen entfernt ist - das kann halt nicht jede Stadt haben, das Schloß Hohentübingen ist das topographische Zentrum Baden-Württembergs und man sieht es vom Stocherkahn aus sehr oft. Wenn man uns mit unseren zahlenmäßig weit überlegenen Kollegen aller Länder vergleichen will, findet man tatsächlich etwas, was uns von diesen unterscheidet und das ist der Sitzaufbau: Bei uns sitzt man sich gegenüber, hat ein sog. Lehnbrett im Rücken (wie an anderer Stelle bereits erwähnt) und nichts behindert den Dialog, typisch Tübingen könnte man sagen, wo die Gesprächskultur schon immer einen hohen Stellenwert einnahm und wo man auch gerne diskutiert – auf diese Weise ist es problemlos möglich, daß jeder mit jedem auf dem Kahn reden kann, er muß nur den Kopf drehen.
Sowohl in Oxford, Cambrigde, Christchurch, als auch dem Spreewald ist die Sitzordnung um 90° verdreht, man schaut dort entweder vorwärts, oder rückwärts. Somit ist der Stocherer nicht so Teil des Ganzen wie hier, wo er von jedem jederzeit gesehen werden kann, was die Kommunikation und das gemeinsame Erlebnis viel intensiver macht, übrigens auch für ihn. Wie man sieht, hat stochern nichts mit der Bootsform, sondern ausschließlich mit dem Vortrieb zu tun, man kann eigentlich alles stochern, was soviel Auftrieb hat, daß es wenigstens eine Person trägt!

Beispiele gefällig, wo sonst noch gestochert wird?

  • Madagaskar (kleiner geht sicher kaum!)
  • Cambridge (England)
  • Christchurch Neuseeland (auf dem Avon)
  • Okawangodelta, Nilpferdjagd
  • vorderer Orient?
  • Asien
  • Afrika
  • Oxford (England)
  • Spreewald

Die Liste wird ständig ausgebaut.