Ein Stocherkahn an der Steinlach in Tübingen

Was ist ein Stocherkahn?

Ein Stocherkahn ist von der Bauform einem Weidling sehr ähnlich, vor garnicht so vielen Jahren war das klarer zu erkennen. Laut dem vorher verlinkten Wikipediaartikel ist das vermutlich die älteste Bootsform überhaupt. Er besteht aus einem flachen Boden und den ebenso planen Seitenwänden, die je nach Hersteller der Kähne, die es in Tübingen gibt, einen Winkel von bis zu 80° zum Boden haben können, gemessen von außen, von innen ergo 100°. Von diesem Winkel abhängig ist seine Stabilität, bzw. wie er im Wasser liegt, steilere Seitenwände machen ihn kippeliger.

Bug, Heck und Boden sind nach innen gekrümmt und an einem (in der Regel aus Hartholz bestehenden) abschließenden Block an Bug und Heck verschraubt. Die ganze Konstruktion ist durch Spanten versteift, deren Zahl je nach Bootsbauer variiert.

Das Baumaterial ist traditionell Holz, während neuerdings auch erste Versuche in Aluminium auftauchen. Die meisten sind aus Fichte, die langlebigeren aus Eiche und Lärche. Diese Holzart verbaut ein junger Bootsbauer und beschreitet erfreulicherweise mit seiner Bauform zunehmend den Weg zurück zum Weidling, wie es scheint. Für Mitfahrer legt man Sitzbretter quer über den Kahn auf den sog. Sitzbrettleisten auf und steckt auf beiden Seiten Lehnbretter ein, die von einer weiteren Leiste unterhalb der Sitzbrettleiste am Wegkippen gehindert werden. Man sitzt sich also gegenüber und mit dem Rücken zur Bordwand.

Der normale Kahn hat eine Länge von ca. 7m bis knapp 11m. Die maximal mögliche Länge wird von der minimalen Breite des Neckars vorgegeben und kann 11m nicht überschreiten, weil dann das Umdrehen an jeder beliebigen Stelle nicht mehr möglich ist. Schon mit etwa 11m schaffen das nur höchstens die Besten an der schmalsten Stelle neckarabwärts ohne Uferberührung. Die Breite ist wegen der üblichen Bauform eine Funktion der Länge und überschreitet selten 1,60m, solche Kähne fassen bis zu 26 Personen und sind Ausnahmen. Das Gewicht kann bei den großen Vertretern der Gattung bis zu 400kg gehen, am Ende der Saison sogar höher. Der Kahn mit der höchsten Zuladung (bis 44 Erwachsene) trug die Nummer 9, hieß Friedrich Hölderlin und war ein Eigenbau des Verfassers (Siehe weiter unten).

Um stochern zu können, benötigt man eine Stocherstange. Zu diesem Zweck kommen bei uns schlanke (weil schnell hochgewachsene), gerade und möglichst leichte Fichtenstämme mit wenigen Astkränzen zum Einsatz, die so abgehobelt werden, daß man sie umgreifen kann, daß man Fingerschluß erreicht. Einschließlich Stahlspitze, die man hier Schuh nennt, kann eine Stange zwischen 5-10 kg wiegen und durchaus 8m Länge erreichen - üblich sind eher kürzere, so um die 6-6,5m.
Versuche mit Surfmasten gab und gibt es, aber gegen das nachwachsende Holz haben Kunststoffe glücklicherweise keine Chance - was bei deren Abrieb in die Finger des Stocherers eindringt, dürfte mit einem Holzsplitter in der Langzeitwirkung nicht zu vergleichen sein.

Auf einer Runde, deren Länge Hölderlinturm-Hölderlinturm ziemlich genau 2 km beträgt, schiebt der Stocherer den Kahn plus Inhalt (also bis zu weit über 2 Tonnen ca. einen halben Meter Höhenunterschied hoch) und holt die Stange über 100x bis zur Senkrechten aus dem Wasser. Freunde des Rechnens können über diese Angaben näherungsweise die tatsächlich geleistete Arbeit herausfinden, sie ist erstaunlich und nicht umsonst gelten Stocherer seit jeher in Tübingen als extrem fitte Typen!

Friedrich Hölderin – der bis heute vielseitigste Stocherkahn tübingens. Das Bild zur linken zeigt den Stocherkahn Friedrich Hölderlin und dessen Konstrukteur "unserem Bena". Dieser Kahn konnte einst bis zu 44 Personen transportieren, galt jedoch trotz der enormen Ausmaße nicht als Gigaliner, da er vorwiegend für Buchungsfahrten genutzt wurde, bei der es nur den Preis "Kahn + Fahrer gab ...egal wieviele Passagiere es werden sollten.

Ausgestattet mit allerlei technischem Schnickschnack diente der Friedrich Hölderlin auch als Studie dessen, was heute möglich ist – als Mischung aus Tradition und Moderne, als eine Superlative aus einem Glasfaser-Holz-Verbund, höchstem Comfort und durchdachter Sicherheit, sowie als Nebeneffektt eine ausgezeichnete Manövrierbarkeit. Zeitweise war seine Stange mit Kohlefaser ummantelt, an Bord gab es eine LED-Beleuchtung, Batterien und eine Pumpe für Regenwasser. Die Laufflächen waren rutschfest und allgemein wurden viele Dinge im Lauf der Zeit weiter optimiert, um dem Vorbild eines vielseitigen Dichters näher zu kommen. Nach acht Jahren im Betrieb wurde er am Anfang des neuen Jahrtausends ausgemustert. Seine einstige Größe bleibt eine Legende für sich, sein Fahrer "der Neckartarzan" sowieso. Ein neuer Kahn soll nun gebaut werden, zwar nicht so groß, aber mindestens genauso herausragend.